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Bnei Akiva in Deutschland aktiv
20.05.2007 - 17:25 von Webmaster


Bnei Akiva in Deutschland aktiv

Israelische Freiwillige leisten ihr soziales Jahr in jüdischen Gemeinden

Tora va'Avoda» (hebräisch. für «Tora und Arbeit») sind die zwei wesentlichen Richtlinien der 1929 in Jerusalem gegründeten religiösenzionistischen Jugendbewegung Bnei Akiva mit Rabbiner Avraham Yitzhak Kook (1865-1935) als spirituelles Oberhaupt. Auch wenn das erste große Projekt dieser Organisation, die Gründung einer Kvutzah (die Vorstufe eines Kibbuz') namens Kfar Avraham im Jahre 1931 bereits drei Jahre später wieder aufgegeben werden musste, so expandierte die modern-orthodoxe Bewegung in den nachfolgenden Jahren derart, dass die verschiedenen weltweiten Filialen der Organisation 1954 in eine «Welt Bne'i Akiva" vereinigt wurden, darunter auch die Vertretungen aus Österreich (gegründet 1949) und der Schweiz (1934). In Deutschland gibt es bislang keinen selbständigen Ableger.

Eines von vielen Projekten der «Kinder Akivas» mit ihren gut 50.000 Mitgliedern in 30 Ländern ist es, in einer Art «Sozialem Jahr» junge israelische Erwachsene in die einzelnen ausländischen Filialen zu senden, damit diese vor Ort so etwas wie eine religiös-zionistische Entwicklungshilfe leisteten. Insbesondere sollen Kinder und Jugendliche der Zielländer mit den grundsätzlichen Ideen der jüdischen Religion und der jüdischen Traditionen im Alltag vertraut gemacht werden. Nicht zuletzt soll auch das Land Israel selbst in all seinen Aspekten wie Geschichte, Kultur oder Natur näher gebracht werden. Ausgeschrieben werden die Stellen in der religiösen Tagespresse Israels, etwa im «Ha-Tzofeh» (wörtlich: «Der Beobachter», dem Organ der Nationalreligiösen Partei). Von den etwa 140 Bewerbern für die Periode 2006/2007 schafften es rund 80. In Zweier- oder Dreiergruppen werden die Berücksichtigten auf die einzelnen Filialen verteilt, etwa nach Mailand, Stockholm oder Wien. Da es in Deutschland keine Bnei -Akiva-Filialen gibt, scheint die Dachorganisation in Israel besonderes Augenmerk auf dieses Land gelegt zu haben und sandte nun bereits im siebten Jahr gleich fünfzehn Freiwillige: drei Männer nach Berlin sowie jeweils zwei Frauen nach Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln und München. Leiter des Projektes in Deutschland, das sich übrigens «Lehava» (hebr. für «Flamme») nennt, ist Eli Stern, der im Hauptgebäude der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sein Büro hat.

Ein etwa 15-minütiger Spaziergang führt vom neuen Zentrum der Münchener Israelitischen Kultusgemeinde am St.-Jakobs-Platz in die Wohnung der beiden Bnei-Akiva-Wahlmünchnerinnen. Sie heißen Tehila Bauer und Vered Ken und bitten einen höflich und fast schon übereifrig, im Wohnzimmer Platz zu nehmen - gefolgt von der obligatorischen Tasse Tee. Ein kurzer Rundgang in der Altbaumietwohnung lässt erkennen, dass alles einfach, für den knapp einjährigen Aufenthalt jedoch auch zweckmäßig eingerichtet und streng koscher ist - einer der Grundbedingungen von Bnei Akiva. Tehila Bauer ist 22 Jahre alt, stammt aus Petach Tikwa und trat bereits als 10-Jährige der Organisation bei. Nach Beendigung ihres zweijährigen Militärdienstes bei der israelischen Luftwaffe wollte sie noch nicht sofort mit dem Hochschulstudium beginnen und sah in ihrem jetzigen Auslandseinsatz eine Chance, ein Jahr«sinnvoll» zu überbrücken. Vered Ken, in Jerusalem geboren, ist ebenfalls 22 Jahre alt. Statt des Militärdienstes absolvierte sie einen zweijährigen Zivildienst beim israelischen Naturschutzbund auf den Golanhöhen. Für beide war Deutschland bei Weitem nicht das Zielland erster Wahl, wie sie unisono betonten. Erst im Laufe eines zehntägigen Vorbereitungskurses in Israel entschied man sich für ein Land, das im Bewusstsein vieler junger Israelis keine große Bedeutung hat: Rudimentäre Geographiekenntnisse beziehen sich fast ausschließlich auf holocaustbezogene Orte, Namen zeitgenössischer deutscher Persönlichkeiten beschränken sich auf das Sportgeschehen... Dass nun aber Deutschland gegenüber den übrigen Ländern «anders» war, lag in der Tatsache, dass es hier eben kein existierendes Bnei-Akiva-Netz gibt, die Arbeit «im Felde» somit einen vollkommen anderen Charakter erhält.

Ein Vorbereitungskurs über drei Wochen im ZWST-eigenen Seminarhaus in Bad Sobernheim sollte die fünfzehn auserwählten Bnei-Akiva-Delegierten auf Deutschland vorbereiten, inklusive eines Crash-Deutschkurses. Bauer und Ken wie auch die anderen Freiwilligen sprechen außer Hebräisch meist nur Englisch als Fremdsprache, manche allerdings Russisch als Muttersprache. Außerdem wurde das Münchener Delegiertenpaar gleich zu Beginn ihres Einsatzes mit einer organisatorischen Panne konfrontiert, indem ihre Wohnung noch nicht bezugsfertig war. Sie verbrachten deshalb zweieinhalb Monate in einer jüdischen Einrichtung in Bad Kissingen, bevor der Einsatz in Bayern richtig beginnen konnte. Die Münchner Wohnung liegt pikanterweise nur einige hundert Meter Luftlinie von dem Haus entfernt, aus dem Kens Großmutter mütterlicherseits als damals 10-Jährige vor den Nazis flüchten musste. Auch Bauer kann auf deutsche Wurzeln väterlicherseits verweisen, und zwar aus dem Raum Enschede. Kens Verwandte hielten anfangs gar nichts von der Idee, in genau dem Land Sozialarbeit zu leisten, aus dem man vor Jahrzehnten vertrieben wurde.

Überraschend mag es auf Außenstehende wirken, dass es kein eigentliches Beschäftigungskonzept gibt. Gilt etwa in München der orthodoxe Gemeinderabbiner Langnas als oberster Ansprechpartner, so wird doch erst der Bereichsverantwortliche kontaktiert, ob die Unterstützung einer der beiden jungen Frauen in der entsprechenden lokalen jüdischen Institution überhaupt erwünscht ist. Am einfachsten erscheint die Arbeit und Mithilfe im Kindergarten. Sprache kann hier leicht durch andere Kommunikationsmittel ersetzt werden, etwa durch musikalische Spiele, bei denen die Kinder begeistert mitmachen. Überdies sind nach einem halben Jahr Aufenthalt in Deutschland die Sprachkenntnisse der Freiwilligen mittlerweile so weit gediehen, dass sich nun gleichfalls im Bereich der Arbeit mit Jugendlichen ein sinnvoller Einsatz ergibt. Aber auch Organisationsprobleme junger Erwachsene gilt es zu meistern: So benötigt die alle paar Jahre immer wieder auseinander fallende jüdische Studentenvereinigung in München eine Person, die nicht nur die Fäden zieht, sondern diese auch gleichzeitig zusammenhält. Oft springt man in Personalnotfällen ein, etwa, wenn die Hebräischlehrerin zum Unterricht verhindert ist - einer der begehrtesten Tätigkeiten in diesem Programm. Da Tahila Bauer und Vered Ken gewissermaßen für ganz Bayern zuständig sind, ist die Arbeitswoche mit viel Reisetätigkeit verbunden. So gibt es einen festen Wochentag, den Ken für jeweils Würzburg bzw. Weiden in der Oberpfalz)reserviert hat. Bauer andererseits fährt regelmäßig nach Amberg in der Oberpfalz, nach Augsburg und Regensburg.
Der Bedarf an diesen israelischen Volontären wird von Jahr zu Jahr neu festgelegt. Wurden im Jahre 2000 erst fünf Israelis eingesetzt, so hat sich die Zahl der Freiwilligen mittlerweile immerhin verdreifacht. Gemäß Eli Sterns Büro könne man sich durchaus vorstellen, auch Volontäre anderer Organisationen in Deutschland einzusetzen. Bislang habe jedoch nur Bnei Akiva entsprechende Angebote gemacht. Letztlich wünsche man sich allerdings mehr Resonanz von Seiten der jüdischen Gemeinden Deutschlands.. Konkrete Angaben, etwa die Größe der jeweiligen Kinder- und Jugendgruppen, würden zu oft nur zögerlich oder ungenau gegeben, ein Gemeindeverantwortlicher schiebe es auf den nächsten, usw. Bei Personalwechsel innerhalb einer Gemeinde müsse häufig die gesamte Aufklärungsarbeit über die Funktion bzw. Einsatzmöglichkeiten der «Lehava»-Mitarbeiter von Neuem beginnen. Dies alles erschwere natürlich unnötig die Arbeit. Fragt man die beiden jungen Frauen in München, ob sie die Arbeit, mitunter in einem Umfang von mehr als 80 Wochenstunden, als «schwer» empfänden, meinen beide, dafür seien sie ja schließlich hier - Urlaub könne man in einem anderen Rahmen machen. Als Gegenleistung, erhalten die Volontäre neben freier Kost und Logis ein stattliches «Taschengeld», dessen Höhe hier nicht genannt sein soll. Übrigens ist das hebräische Wort «lehava» ein Akronym für «nächstes Jahr im erbauten Jerusalem» («le'shana haba'a b'Yerushalayim ha'bnuyah»). Ken ergänzte hierzu, dass es sozusagen das i-Tüpfelchen eines erfolgreichen Einsatzes wäre, durch ihre Arbeit in Deutschland den einen oder anderen zur Alija nach Israel zu bewegen. Ein hundertprozentiger Erfolg in dieser Richtung würde natürlich heißen, dass ab einem gewissen Zeitpunkt die Arbeit der Bnei-Akiva-Freiwilligen obsolet werden müsse - aber daran glauben selbst Tahila Bauer und Vered Ken trotz eines uneingeschränkten Optimismus eher nicht.

Matti Goldschmidt



Quelle: «Jüdische Zeitung» vom Mai 2007


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