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Rede von Tzipi Livni beim Westlich-islamischen Dialog in Davos
19.02.2007 - 03:26 von Webmaster


Rede der israelischen Vizepremierministerin und Außenministerin Tzipi Livni beim „Westlich-islamischen Dialog“ auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 25. Januar 2007


Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste, sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die einzigartige Gelegenheit, an diesem bedeutenden Forum teilzunehmen. Es ist mir eine große Ehre, Teil dieser besonderen Zusammenkunft zu sein.

Das Thema dieser Veranstaltung lautet „Westlich-islamischer Dialog“.
Für mich persönlich beinhalten sowohl die Vorstellung vom „Westen“ wie die Vorstellung vom „Islam“ zu viele verschiedene Dinge, um auf diese Weise in eine Gruppe eingeteilt zu werden. Es gibt viele Moslems im Westen. Viele Islam-Gläubige haben sich westlichen Werten angepasst und sehen keinen Widerspruch zwischen beidem.

Der wirkliche Test ist nicht die Art der Religion oder der Standort des Gläubigen. Die Basis der heutigen Kluft ist das Wertesystem.
Heutzutage sind Menschen mehr durch ihre Werte als durch ihre nationale oder religiöse Identität geteilt. Die Prinzipien von Gerechtigkeit, Koexistenz und Toleranz finden sich nicht in jeder Religion oder nationalen Identität. Sie wurden von Mose, Jesus und Mohammed verkündet. Doch ebenso sind den drei bedeutendsten monotheistischen Glaubensrichtungen radikale Annäherungen nicht fremd.
Im Kontext mit möglichen Zusammenstößen zwischen verschiedenen Kulturen kann ich sagen, dass ich aus einem Land komme, das einen einzigartigen Anteil an der Zusammensetzung solcher Unterschiede hat.

Erstens sei gesagt, dass wir eine Gesellschaft sind, in der die Wechselwirkung zwischen religiösen Traditionen und westlichen Werten auf einer täglichen Basis vonstatten geht. Israel ist ein Mosaik von Kulturen und Bräuchen. Unsere Bürger können ihre Wurzeln zurückverfolgen zu den Salons europäischer Aufklärung, zu den Wüsten Äthiopiens und zu den Herzen der moslemischen Welt. Einige erhielten ihre Bildung gemäß bester orthodoxer Tradition, andere erhielten sie von den hervorragendsten säkularen Universitäten und wieder andere aus beiden Quellen.

Die kulturelle Vielfalt der Menschen in Israel ist verbunden mit der reichhaltigen Abwechslung der historischen Landschaft. Die Hügel, Täler und Straßen des heiligen Landes fließen über von Geschichte und Bedeutung für Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Glaubens, und dies auf eine Art und Weise, die nirgendwo sonst auf der Welt ihresgleichen hat.
Der Staat Israel wurde als Heimat für das jüdische Volk geschaffen und er trägt die Werte von Judentum und Demokratie in sich. Es wurde entschieden, dass Israel eine Demokratie sein soll, die die demokratischen Werte gemeinsam mit den jüdischen Werten voll und ganz umsetzen soll. Obwohl diese beiden als gegensätzliche Werte hätten betrachtet werden können –und es gibt in der Tat diejenigen, die einen Zusammenprall beider Werte suchen-, haben wir es geschafft, eine Verbindung zu finden, in der die Werte des Judentums und die westlichen Werte von Demokratie und Freiheit einander ergänzen. Wir fanden in der Tat den gemeinsamen Nenner beider Wertesysteme.

So ist zum Beispiel der Respekt vor der persönlichen Identität und gegenüber Minderheiten nicht nur eine Verpflichtung für eine Demokratie sondern auch Ausdruck grundlegender jüdischer Werte. Gemäß der Bibel müssen wir, das jüdische Volk, uns daran erinnern, dass unser Status im Lauf der Geschichte derjenige von Minderheiten innerhalb einer Gesellschaft war. Als Volk müssen wir den Fremden lieben wie uns selbst und wir müssen –wie es das Buch Numeri sagt- garantieren, dass es nur eine Satzung „für euch und für den Fremdling, der bei euch weilt“ gibt.

Jeden Tag müssen wir angesichts enormer Schwierigkeiten versuchen, die Identität eines jeden unserer Bürger zu respektieren und für diese Identität den Raum friedlicher Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen.
Dies ist die Aufgabe der Führung. Diese Harmonie zu finden. Sie auf eine Art und Weise zu interpretieren und zu leiten, die das Beste aus den verschiedenen Kulturen hervorbringt und Koexistenz über Trennung und Intoleranz hinweg erlaubt.

Israel ist noch ein junger Staat, und wir behaupten nicht, dass wir ein perfekter Staat sind. Unsere Mission, eine nationale Heimstätte für ein uraltes Volk und eine demokratische Gesellschaft für all unsere Bürger zu sein, ist keine einfache. Im Grunde sind wir ein lebendes Experiment für die Verbindung unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlichen Glaubens, und wir können von unserer Erfahrung viel an andere weitergeben – sowohl von unserer schlechten wie unserer guten Erfahrung.
Doch Israels Rolle in dieser Debatte ist auch auf Grund eines zweiten Punktes einzigartig. Seit unserer Staatsgründung stehen wir an der vordersten Front eines Konfliktes, der von vielen als Hauptkrisenherd zwischen dem Islam und dem Westen betrachtet wird.
Manche glauben –meiner Ansicht nach irrtümlicherweise-, dass die Lösung dieses Konfliktes der Schlüssel für die Wiederherstellung der Harmonie zwischen dem Islam und dem Westen ist. Andere verändern die Reihenfolge und argumentieren, dass der Konflikt erst gelöst werden wird, wenn der islamisch-westliche Einklang erreicht ist.

Beide Ansätze sind meiner Meinung nach zu einfach und irreführend. Zunehmend sehen wir eine Welt vor uns, die zwischen moderaten Kräften auf der einen Seite und extremistischen Kräften auf der anderen Seite zerbricht. Der eine glaubt, dass Unterschiede toleriert und respektiert werden sollten. Der andere lehnt die Legitimität jeder Ideologie außer seiner eigenen ab.
Dieser Wettkampf zwischen Extremisten und Moderaten hat schon früher zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise stattgefunden. Doch heute ist dieser Wettkampf besonders auffällig unter radikalen Führern, die die Religion für ihre eigenen Zwecke ausbeuten. Dies wird vor allem in den Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen und innerhalb der islamischen Welt selbst sichtbar. Dies wird insbesondere sichtbar in dem Versuch von Extremisten, politische, soziale oder wirtschaftliche Probleme, die von gerechten Entscheidungen abhängig sind, auszunützen und in religiöse Kriege umzuformen, die keine Kompromisse und keine Aussöhnung erlauben.

Wir sehen es im Irak, in dem Zusammenprall zwischen Truppen, die die Einheit des Landes wünschen, und denjenigen, die danach trachten, das Land zu teilen und zu zerstören. Wir sehen es in den palästinensischen Gebieten, im Kampf zwischen denjenigen, die sich verpflichten, einen friedlichen palästinensischen Staat zu gründen und denjenigen, die sich verpflichten, den jüdischen Staat zu zerstören. Und wir sehen es auch in europäischen Stadtvierteln, wo moslemische Gemeinschaften manchmal geteilter Meinung darüber sind, ob ihre religiöse Identität und Ausdrucksweise in das Leben in einem modernen, säkularen und demokratischen Staat integriert werden kann oder nicht.

Was die westliche Welt angeht, kann sie das Ergebnis dieses Wettkampfes nicht diktieren. Doch sie kann entscheiden, wie sie sich den verschiedenen Wettkämpfern gegenüber verhält und sie kann klar und deutlich sagen, was jeder dieser Wettkämpfer jetzt und in Zukunft vom Westen erwarten kann. Wenn wir fest zu den Prinzipien der Koexistenz und Toleranz stehen, auf denen die westliche Gesellschaft basiert, kann uns diese Situation nicht gleichgültig sein.

Die interne Debatte beeinflusst die islamische Welt und ihre Beziehungen zum Westen. Dies wird klar und deutlich in der Völkermord-Agenda von Ahmadinedschad und in der hasserfüllten Propaganda von Al Qaida ausgedrückt. Diese trachten nach der Herrschaft der einen Identität über eine andere, während sie dem Außenstehenden die Rolle des Ungläubigen geben. Diese Art von Extremismus bedroht genauso die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen wie die Gesellschaft, in der sie Bestand hat.

Die Basis für die Koexistenz zwischen dem Westen und dem Islam ist die Erlaubnis einer echten Ausdrucksweise von nebeneinander lebenden Identitäten, wobei der Außenstehende die Rolle des Nächsten erhält. Unsere Verpflichtung, Toleranz und Respekt gegenüber allen Glaubensrichtungen zu zeigen, enthält nicht die Verpflichtung, –im Namen einer verzerrten Interpretation von Glauben- Versuche zu ertragen, andere zu delegitimieren, zu Gewalt anzustacheln oder grundsätzliche demokratische Werte zu gefährden.

Wir haben die Verantwortung, den Gemeinschaften, in denen ein solcher Schlagabtausch stattfindet, durch unsere Taten und Worte zu vermitteln, dass der Weg des Extremismus und der Zurückweisung eine Sackgasse ist. Dass er kein Rezept für Ehre sondern für Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ist. Er verspricht nur noch mehr Hass und Gewalt.
Für den Westen ist er eine Bedrohung. Für die moslemische Welt ist er eine Tragödie.

Jedes Mal, wenn wir die radikalen Kräfte besänftigen, werden wir nicht nur die Aussichten auf Koexistenz unterminieren sondern auch die moderaten Kräfte verraten, die sich der Koexistenz verpflichtet haben.
Doch die Unnachgiebigkeit gegenüber den Extremisten ist nur ein Teil der Gleichung. Auch den Moderaten und den Otto Normalverbrauchern muss eine Botschaft vermittelt werden. Ihnen muss gesagt werden, dass sie Partner haben, wenn sie den Mut haben, gegen Radikale aufzustehen.

Moderate Religionsführer innerhalb der Gemeinschaften spielen eine bedeutende Rolle bei der Art und Weise wie sie die Religion und die Botschaft der Zurückhaltung interpretieren. Ihre Stimme muss laut und deutlich gehört werden. Einige haben den Mut gezeigt, für die Rechte zu kämpfen, die zu viele von uns als selbstverständlich hinnehmen. Wir müssen ihnen Tribut zollen.
Insgesamt müssen wir die Moderaten stärken. Wir müssen zeigen, dass wir ihren Glauben und ihre einzigartigen Traditionen respektieren und dass wir bereit sind, ihnen zu helfen, ihre legitimen Wünsche zu realisieren, wenn sie bereit sind, unsere zu respektieren.


Meine Damen und Herren,
diese Dynamik zwischen Extremisten und Moderaten wird im israelisch-arabischen Kontext kraftvoll in Szene gesetzt. Und hier möchte ich den israelisch-palästinensischen Konflikt als ein Beispiel nutzen.

Für die herrschende Elite in Teheran, für die Hisbollah und für die Hamas ist der israelisch-palästinensische Konflikt nicht politisch und lösbar sondern religiös und ohne jede Möglichkeit der Versöhnung. Sie lehnen Koexistenz und die Zwei-Staaten-Lösung nicht nur als eine politische sondern auch als eine ideologische Angelegenheit ab. Der Konflikt ist die Folge und nicht die Ursache dieser Ideologie.

Doch die Verantwortung hierbei liegt nicht nur auf den Schultern von Politikern. Pädagogen und Geschäftsführer, religiöse Mentoren und Denker der Art, wie sie heute hier versammelt sind, haben die besondere Verantwortung nicht nur Dialog und Verständnis voranzubringen, sondern ihre Meinung auch gegenüber den Gegnern zu vertreten und klar zu machen, dass Hetze und Gewalt nicht Ausdruck des Glaubens sondern der Perversion ist.
Pädagogische Institutionen müssen eine Generation von Friedensstiftern und nicht von Märtyrern hervorbringen. Und die Stimme der Moschee, der Kirche und der Synagoge muss die Stimme der Akzeptanz und nicht der Hetze sein, die Stimme der Koexistenz und nicht des Hasses.


Meine sehr verehrten Freunde,
die Bibel lehrt uns, dass alle Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind. Es mag stimmen, dass sich jeder Mensch vom anderen unterscheidet, doch es liegt an uns, ob wir die Unterschiede hervorheben oder die vereinenden Faktoren. Wir können wahre Harmonie schaffen.
Lassen Sie uns hoffen, dass wir die Weisheit besitzen, die perfekte Harmonie zu finden, damit unsere unterschiedlichen Werte einander ergänzen und sich nicht im Wettkampf miteinander befinden. Wenn wir diesen Einklang finden, werden wir in einer besseren Welt leben. Schließlich ist die wichtigste Frage von allen diejenige, welche Art von Welt wir für unsere Kinder hinterlassen.
Ich danke Ihnen.



Quelle: „Newsletter der Botschaft des Staates Israel - Berlin“ vom 26. Januar 2007


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